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Thread: Der Laberthread
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Old Jan 7th, 2013, 10:01 PM   #1870
country flag joy division
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Re: Der Laberthread

Es wurde in den vergangenen Tagen schon so viel zu Julia gesagt, da gebe ich meinen Senf auch noch dazu.

Ich bin im Gegensatz zu vielen anderen hier kein ausgesprochener Tennisexperte und habe auch (leider) niemals selbst Tennis gespielt.
Es ist, davon abgesehen, selbst für die Experten hier schwer vorhersehbar, wie sich Spielerinnen entwickeln.
Das sieht man beispielsweise an den Prognosen für 2012, wo eigentlich fast alle daneben lagen.
Annika Beck war bis vor etwa einem halben Jahr eine Spielerin die vielleicht mal irgendwann in ihrer Karriere die Top 100 knackt, zu mehr würde es bei ihr nicht reichen. Von Angie`s Entwicklung muss man hier nicht sprechen. Ihr unglaublicher Aufstieg in den Rankings war so nicht vorhersehbar. Ich denke ihr hätte hier im Forum niemand und zu keinem Zeitpunkt zugetraut das sie mal eine Top 5 Spielerin werden würde. Die Dinge sind nicht so einfach zu beurteilen, aber das ist ja eine der Sachen, die Sport ja eigentlich erst richtig interessant machen.

Viele Sachen die hier gesagt worden sind werden noch mal aufgeführt, deswegen fällt meine Einschätzung zu Julia etwas länger aus.

Ich finde eigentlich fast alle Kommentare hier hilfreich, auch die von Leuten, welche Julia`s Situation wesentlich skeptischer gegenüber stehen, als ich.
Wenn man Julia`s Entwicklung in den letzten Jahren anschaut gibt es tatsächlich gute Gründe skeptisch zu sein.
Sie hat, was ihre Erfolge angeht, nach ihrer grossartigen Sandplatzsaison vor 2 Jahren im Grunde genommen stagniert, zugebenermaßen auf relativ hohem Niveau. Wenn man das gesamte letzte Jahr und das was sie dieses Jahr bisher gezeigt hat, berücksichtigt geht es sogar eher bergab. Da kann man natürlich schon auch mal den Trainer hinterfragen, da Nensel sie offensichtlich nicht mehr wirklich weiterbringt.

Derzeit sieht es eher so aus, das sie sich so ähnlich entwickelt könnte wie ebenfalls sehr talentierte Spielerinnen, Cirstea oder Hradecka könnte man nennen, die aus welchen Gründen auch immer nur in 2-3 Wochen pro Jahr in der Lage sind, ihre beste Leistung zu bringen.
Das ist vorzugsweise der Fall bei Angriffsspielerinnen, die über kein komplettes Spiel verfügen (gibt es die, oder gab es die jemals !?), und zu denen zählt Julia eben auch.

Ihre Schwächen sind bekannt, muss man nicht mehr in aller Ausführlichkeit beschreiben.
Es ist, meiner Meinung nach, ziemlich unwahrscheinlich, das sie ihre auffallende Schwäche in der Beweglichkeit, woraus alle anderen Schwächen in ihrem Spiel besonders im Defensivspiel und teilweise beim Return resultieren, noch wird entscheidend verbessern können. Auch wenn sie z.B. zur Schüttler/Waske Akademie wechseln sollte, was im Moment übrigens völlig unrealistisch ist, wird sich diese grundlegende Schwäche, nicht beheben lassen. Womit keineswegs gesagt ist, das sie aufhören sollte daran zu arbeiten. Selbst wenn es nur Nuancen sind können ein paar Prozent auf dem Level, auf dem sich bewegt, wichtig sein.

Dazu kommt, das sie dazu neigt unkonzentriert zu sein, oder auch mal leicht abgelenkt ist. Ihr kommt, nicht nur gelegentlich, einfach die geistige Beweglichkeit und der Wille abhanden, besonders in engen Spielsituationen.

Beim Endspiel in Linz letztes Jahr gegen Azarenka bei 4-5 im 2. Satz und eigenem Aufschlag zum Beispiel war so eine Situation, wo man das gut sehen konnte. Nachdem sie sich mit sehr gutem eigenem Spiel in die Partie zurückgekämpft hatte, verlor sie auf einmal den Fokus und hat mit ein paar einfachen Fehlern die Partie dann hergeschenkt, was sie selbst, wie man an ihrer Reaktion sehen konnte, sehr geärgert hat.

Die Meinungen in Julia`s Forum dazu waren dann ziemlich einhellig. Julia sei mental schwach und/oder brauche einen Mentalcoach. Es gab auch Leute die dachten, das da auch physische Gründe eine sehr wichtige Rolle spielen .
Dieser Gedanke ist nicht ganz abwegig. Es könnte tatsächlich sein das sie einfach müde war und deswegen in der Konzentration nachliess.
Naheliegender scheint es zu sein, das sie anfing sich Gedanken über den Spielstand zu machen,(sie hatte das Break aufgeholt und war wieder im Spiel wieder auf Augenhöhe), dadurch aus dem Rhythmus kam, merkte wie erschöpft sie wirklich war und "ihr Arm dann schwer wurde". Wie auch immer, Julia könnte das wahrscheinlich selbst nicht genau sagen.

Es gibt mMn da auf jeden Fall einen Zusammenhang zwischen physischen und mentalen Aspekten.
Den kann man auch im Grundsätzlichen so sehen.
Julia benötigt nunmal relativ viel Zeit für ihre langen Ausholbewegungen für ihre offensive Spielweise, in der sie sich am Wohlsten fühlt und die einfach ihr Spiel ist. Zeit die ihr eben nicht gegeben in vielen Spielsituationen auf dem Court.
Sie hat einmal in einem Ein Fragesatz/ein Antwortsatz-Interview vor ein paar Jahren auf die Frage, was ihr grösstes Problem ( im Allgemeinen ) sei, geantwortet, "wenn ich über zu viele Dinge gleichzeitig nachdenken muss".
Heisst, sie hätte gerne mehr Zeit die Dinge klar vor sich hinzustellen und zu ordnen.
Man kann da durchaus eine Grundproblematik erkennen, die Julia beschäftigt und auch prägt in vielen Bereichen.


Das Spiel gegen Azarenka war insgesamt dennoch ein gutes weil sie andererseits auch ihre besonderen Stärken gezeigt hat. Wenn`s läuft und ihr Service kommt ist sie schwer zu stoppen. Gerade wegen ihrer grossen Ausholbewegungen kann sie den Ball so beschleunigen wie kaum eine Andere und in diesem Spiel sogar einen Satz gegen die Nummer 1 der Welt phasenweise dominieren.
Was vielleicht nicht immer als solche angesehen wird, sie verfügt mMn auch über eine ausgeprägte mentale Stärke. Sie kann enormen Kampfgeist zeigen, und erst über diesem hat sie in diesem Spiel in`s Spiel zurückgefunden.
Auch wenn sie (grotten)schlecht spielt wundere ich manchmal warum sie nicht längst ihre Tasche gepackt hat, sondern sich eigentlich immer bemüht, egal wie der vorherige Ballwechsel gelaufen ist, wieder von Neuem das Beste zu geben.
Man könnte jetzt darüber sagen, sie ist doch Profi und das sei ja wohl das Mindeste, dennoch glaube ich das diese Eigenschaft ein besondere Stärke von ihr ist.

Wenn sie die richtige Einstellung hat, kann sie jedenfalls nicht nur ihr dominantes und druckvolles Spiel aufziehen, sondern auch Schläge produzieren, die ihr sonst seltener gelingen, wie gute Stops und spektakuläre Winner auf der Rückhand, was ihr besonders gut in ihrem besten Saisonspiel gegen Radwanska bei Olympia gelungen ist.
Es müsste so gesehen, "für sie immer Olympia sein" wenn sie auf den Platz geht. Rein äusserlich geht das nicht weil die olympischen Spiele eben nur all 4 Jahre stattfinden.
Wie auch immer, selbst wenn man wiederum einschränken kann, das "Radwanska keinen Lust hatte", oder" war ja auf Rasen", etc. solche Spiele beweisen zumindest, das sie grundsätzlich das Zeug dazu hat im Gesamten konzentrierter, entschlossener und damit auch erfolgreicher aufzutreten.

Ich denke an ihrer Einstellung kann sie definitiv arbeiten und da kann ihr auch geholfen werden.
Da kommt es natürlich auch darauf an das man sie in der richtigen Art darauf aufmerksam macht und welchen Anspruch an sich und welche Kenntniss ihrer Fähigkeiten sie tatsächlich hat.

Da kann man bei Julia auch Widersprüche und Diskrepanzen entdecken und die wirken sich auch aus.
Sie weiss einerseits im Grunde genommen genau, wo ihre Schwächen und auch ihre Stärken liegen, ist allem Anschein nach sehr trainingsfleissig und glaubt an sich. Ihre ständigen Beteuerungen sich verbessern zu wollen sind meiner Meinung nach ehrlich gemeint.

Wenn man sich anderseits ihre stagnierende Entwicklung im Allgemeinen und ihre Spiele im Einzelnen anschaut, verändert sich eigentlich gar nichts.
Das bemerkt sie natürlich und verunsichert sie zusätzlich. Zu ihren oben genannten spielerischen Defizite kommt dann noch diese Verunsicherung dazu. Sie wirkt in den Spielen dann manchmal kopflos und sehr ungeduldig und das Ergebnis ist das bekannte endlose Auf und Ab bis zum (bitteren) Ende.

Ich denke sie ist sich dieser Dinge nicht wirklich bewusst.
Der gedrängte Zeitplan lässt auch keine Zeit sich über so etwas mal Gedanken zu machen. Das nächste Turnier steht unmittelbar vor der Tür. Neue Chance, neues Glück und so kann man der Sache dann auch gut davonlaufen.
Die Frage ist auch ob sie nicht im Grunde ganz zufrieden ist mit dem, wie es so läuft. Julia steht eigentlich nicht gern im Rampenlicht und ist, wie es jemand hier mal schön gesagt hat, ein bisschen "das nette Mädchen von nebenan".
Diese Dinge und viele andere spielen sicher eine Rolle.

Es wird oft davon gesprochen, das eine noch Spielerin reifen müsse. Ich denke das ist bei Julia der Fall. Sie wirkt nicht nur manchmal sehr unreif auf dem Platz obwohl sie schon 24 Jahre alt ist und einige Jahre auf der Tour spielt.
Wenn sie lernen kann sich richtig einzuschätzen, dann wird sie auch insgesamt effektiver und besser werden.

Eine sportliche Krise kann tatsächlich hilfreich sein, ein andere Trainer auch. Mal schaun, wie`s mit ihr weitergeht.

Last edited by joy division : Jan 8th, 2013 at 07:36 AM.
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