TennisForum.com - View Single Post - Sarah Gronert

Thread: Sarah Gronert
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Old Nov 12th, 2011, 07:07 PM   #1561
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Re: Sarah Gronert

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Ferrari ohne Zündschlüssel

An Anfeindungen hat sich Sarah Gronert gewöhnt - ihr ungenutztes Potential macht ihr mehr zu schaffen
Ismaning - Der letzte Schlag steckte voller Zweifel. Mühelos hätte Sarah Gronert ihrer Gegnerin zuvor solch einen notdürftig zurückgeschaufelten Ball um die Ohren gehauen, mit ihrem Markenzeichen, ihrer brachialen Vorhand. Nach drei abgewehrten Matchbällen hätte sie damit zum 6:6 im finalen Tiebreak ausgeglichen. Doch nun sprang die Filzkugel vom Rahmen ins Aus. Das Publikum in Ismaning erhob sich zum tröstenden Applaus; Gronert, 25, blickte fassungslos.

Eine vergebene Chance, mal wieder.

Sarah Gronert hatte einen festen Plan für dieses Jahr: Sollte sie es nicht bis auf Platz 150 der Tennis-Weltrangliste schaffen, würde sie ihre von Enttäuschungen und Anfeindungen zersetzte Karriere beenden. Dabei hat sie jenes Problem, das sie vor drei Jahren fast zum Aufhören bewogen hatte, inzwischen recht gut im Griff. Gronert ist als Hermaphrodit auf die Welt gekommen, als Mensch mit beiderlei Geschlechtsmerkmalen. Als sie die Profibühne betrat, begann der Zickenzirkus der Frauentour zu hetzen: Nur ein Mann könne derart hart schlagen, hieß es, immer wieder trafen sie gehässige Bemerkungen. Schließlich unterbrach Gronert ihre Karriere, bis die Frauentour WTA ein gynäkologisch-endokrinologisches Attest akzeptierte, das sie eindeutig als Frau ausweist. Das Getuschel ging zwar weiter, doch Gronert kann es heute ausblenden. Sie sagt: "Ich bin nicht hier, um Everybody's Darling zu sein." Sie habe zwar Freundinnen auf der Tour, aber die bräuchte sie gar nicht - die wahren Freunde seien daheim. "Tennis ist ein Einzelsport, jeder kämpft für sich."

Gronert hat ein anderes, ein rein sportliches Problem. Ihr Potential könnte für die Weltspitze reichen, doch sie ruft es nicht ab. "Es ist frustrierend, wenn man einen Ferrari in der Garage hat und ständig nur VW Käfer fährt", sagt sie. Zurzeit steht die Mönchengladbacherin auf Rang 205 der Weltrangliste. "Ich muss da nicht stehen", weiß sie, doch dieses Wissen macht es nicht leichter. Von ihrem Plan ist sie abgerückt, sie wird nun auch nächstes Jahr als Profi arbeiten. Ihrem Freund und Trainer Robin Abro gegenüber wäre es sonst unfair, "er glaubt seit fünf Jahren an mich." Außerdem hänge ihr Herz am Tennis, und die Saison sei trotz allem die beste ihrer Karriere gewesen. "Ich kann jetzt die Qualifikationen für die Grand-Slams spielen, da wäre es dumm aufzuhören." Der Sprung zu den Top 50 sei klein: "Nur ein Mal eine Woche in Topform sein!" Mit einem Sieg bei den Büschl Open in Ismaning, einem ITF-Turnier, hätte sie ihr Saisonziel erreicht.

Ihr Achtelfinale am Donnerstagabend jedenfalls hätte sie gewinnen müssen. Beim 6:2, 6:7 (7) und 6:7 (5) gegen Naomi Broady hatte sie im zweiten Durchgang 4:2 geführt, die Britin warf den Schläger und keifte ihren Coach an. Doch Gronert gab die Partie noch aus den Händen, sie eilte nach der Niederlage in eine leere Trainingshalle, wo sie ihrem Coach per Handy eine halbe Stunde lang von all den vergebenen Chancen erzählte.

Es war ein kurioses Match gewesen: Broady schlug zu Beginn zwei Asse. Die 21-jährige Britin, die ihre Rückhand einhändig übers Netz prügelt, ist 1,89 Meter lang. 16 Asse waren es am Ende. Verglichen mit ihr wirkte Gronert im pinkfarbenen Kleidchen fast unscheinbar, wenngleich auch sie mit 1,83 Metern nicht klein ist. Sie ist schlank, durchtrainiert, nicht auffallend muskulös. Ihre Vorhand jedoch ist waffenscheinpflichtig, und auch ihr gelangen 14 Asse. "Mein Aufschlag war früher nicht besonders gut, ich habe ihn mir erst erarbeiten müssen", sagt sie. Noch habe sie ihre Spielweise nicht optimal auf diese Waffe eingestellt. Etwa 190 Stundenkilometer erreiche sie, der Weltrekord liegt bei 210. Er wird von Sabine Lisicki gehalten. "Andere können genauso hart schlagen wie ich", sagt sie, "es ist nur nicht jede so risikobereit."

Broady ist es. Dennoch war sie letztlich ganz von Gronerts Nervenschwäche abhängig. "Mir fehlt noch immer etwas Erfahrung", versucht Gronert zu erklären, das liege nicht zuletzt an den Unterbrechungen ihrer Laufbahn. Als sie im Sommer 2008 entnervt den Schläger ins Eck stellte, ließ sie sich fast ein Jahr lang Zeit. Im Jahr ihrer Rückkehr gewann sie vier ITF-Turniere. "Vom Kopf her bin ich wie eine Spielerin mit 15 oder 16."

So alt wie jene Talente, die der Verband gern pusht, während Gronert schon ein wenig durchs Raster gefallen ist. Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner habe sie schon mal auf dem Zettel gehabt, aber die Jüngeren seien interessanter, sagt sie. Wie Annika Beck, 17, oder Dinah Pfizenmaier, 19, die in Ismaning ihre Achtelfinals gewannen. Oder Carina Witthöft, die dort zwar gegen die erfahrenere Tatjana Malek 3:6, 6:7 verlor, die aber erst 16 Jahre alt ist. "Ein tolles Mädel mit Potential", sagt Rittner über Gronert, "aber sie ist spät Profi geworden - und schleppt halt diese schwere Geschichte mit sich."

Gronert ist sich sicher, dass ihr Potential längst nicht ausgereizt ist. Die Gehässigkeiten der Konkurrenz wertet sie als Neid, als "Angst vor meinen Fähigkeiten" - und damit als Bestätigung. An ihrer anfälligen Rückhand will sie hart arbeiten, am Serve and Volley, an der Beinarbeit und an der mentalen Stärke. "Ich möchte nicht wissen, wie weit ich damit kommen könnte", sagt sie. Doch das ist es ja: Sie will es wissen! Und das Schlimme: Eigentlich weiß sie es längst.
aus der Süddeutschen Zeitung (Printausgabe vom 05.11.2011)

Last edited by mk27 : Nov 12th, 2011 at 07:17 PM.
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